Mittwoch, 20. Januar 2016

Arme Sezessionisten?

Leider werde ich den Eindruck nicht los, dass Herr Krieger diesen Artikel einfach nur bei einer der Regierungstreuen, ja sogar -hörigen Tageszeitungen wie 'La Razón', 'ABC' oder 'El Mundo' abgeschrieben hat. Dem widerspricht jedoch seine Behauptung, dass "der neue Wirtschaftsminister Oriol Junqueras ... auch "Außenminister" Kataloniens ist", denn in Madrid weiß man, dass der Mann, der vom neuen katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont mit der Betreuung der auswärtigen Angelegenheiten beauftragt wurde, tatsächlich Raúl Romeva heißt, der die Koalitionskandidatur 'Junts pel Sí' bei den Regionalwahlen vom 27. September anführte und auch gewann.

Wen kann es bei einer derart fehlerhaften Berichterstattung da noch wundern, dass der Autor den Madrider Vortrag, dass Katalonien ohne staatliche Unterstützung seine Rechnungen nicht bezahlen kann, ganz einfach 1:1 übernimmt, ohne den katalanischen Standpunkt zu dieser, ebenso falschen, Behauptung mit in seinen Bericht aufzunehmen. Seit Jahrzehnten bedient sich der spanische Staat in Katalonien mit seinen Steuern und lässt die Region am langen Arm verhungern. Während z.B. in Deutschland die bayerische Regionalregierung schon wegen einem Solidaritätsabschlag von 2% auf die Barrikaden geht, ist in Katalonien die Schlucht zwischen dem, was der Staat sich nimmt und dem, was er zurückgibt, jährlich zwischen 8% und 12% tief. Und leider werden mit diesem Geld nicht etwa die ärmeren Menschen im Land unterstützt, nein. Damit werden irgendwelche irrationale Wahnsinnsprojekte finanziert (Flughäfen, die niemand braucht, Hochgeschwindigkeitstrassen in die Wüste, u.s.w.), die keinen anderen Sinn haben, als den Madrider Regierungsbeamten die Wiederwahl zu garantieren.

Herzlichen Glückwunsch! 

Thomas Spieker

Read more »

Montag, 28. September 2015

Absolute Mehrheit für Befürworter der Unabhängigkeit

Die Separatisten sind aus der als historisch eingestuften Wahl in Katalonien offensichtlich als Sieger hervorgegangen. Laut ersten Hochrechnungen erreichen sie die absolute Mehrheit. Wie die Behörden nach Auszählung von 64 Prozent der Stimmen am Sonntagabend mitteilten, kommt die separatistische Allianz Junts pel Sí (Gemeinsam fürs Ja) des katalanische Ministerpräsidenten Artur Mas auf 62 Sitze. Die linksradikale Unabhängigkeitsbewegung CUP errang zehn Sitze.

Mit diesen 72 der 135 Sitze im Parlament stellen beide gemeinsam künftig die absolute Mehrheit. Den Teilergebnissen zufolge erreichten beide Bündnisse zusammen 47,3 % der Stimmen.
Mas hatte die vorgezogene Wahl als ein Plebiszit über eine Abspaltung der Region von Spanien angesetzt. Er hatte angekündigt, Katalonien in 18 Monaten zur Unabhängigkeit zu führen, wenn seine Bewegung die absolute Mehrheit erreicht. CUP-Kandidat Antonio Baños schrieb nach Veröffentlichung der Prognose auf Twitter, seine Partei sei mit den vorläufigen Ergebnissen zufrieden und bereit, einen Unabhängigkeitsvorstoß zu unternehmen.
Die konservative Madrider Zentralregierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy hatte wiederholt angekündigt, eine Abspaltung Kataloniens unter keinen Umständen zuzulassen. Katalonien hatte sich bereits 2006 zur Nation erklärt. Diesen Status erkannte das spanische Verfassungsgericht der Region 2010 wieder ab. Im November 2014 klagte die Regierung des Landes vor dem Verfassungsgericht gegen ein Unabhängigkeitsreferendum und konnte dieses so verhindern.
Katalonien steuert fast ein Fünftel zur spanischen Wirtschaftsleistung bei und bekommt nach Ansicht von Kritikern dafür nicht genug von der Regierung zurück. In der Region im Nordosten des Landes leben rund 7,5 Millionen Menschen. Spanien erholt sich gerade erst langsam wieder von einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die dem Land über Jahre hinweg Arbeitslosenraten von über 22 Prozent bescherte.

Quelle 

Together for Yes (Pro independence) 1,620,697 39,54 % 62 MPs
Citizens (Unionists, Center)                 734,538 17,92 % 25 MPs
Socialist Party (Unionists, Left)           521.916 12,73 % 16 MPs
Catalonia, We Can (Self-determination) 366.274  8,94 % 11 MPs
People's Party (Unionists, Right)          348.350  8,50 % 11 MPs
Popular Unity Candidacy (Pro indep.)   336.292  8,21 % 10 MPs
Democratic Union (Self-determination) 102.835  2,51 % 0 MPs

Turnout: 77,44 %

Read more »

Samstag, 26. September 2015

Katalonien bricht mit Spanien





Ursprünglich hatte sich das neue Spanien nach dem Tod Francos die deutsche und die österreichische Verfassung zum Modell nehmen wollen, um das zentralistische, von Madrid aus regierte Königreich zu demokratisieren und zu dezentralisieren. Im Prinzip hätte Spanien in vier Bundesländer aufgeteilt werden müssen, um das Grundproblem Spaniens zu lösen, wie nämlich ein respektvolles Zusammenleben von Katalanen, Basken, Galiciern und Spaniern oder Kastiliern (mit Einschluss der Andalusier) in einem einzigen Staat möglich sei.


Der erste gravierende Fehler war, dass man die deutsche Bundesländerlösung falsch adaptierte und glaubte, statt vier über Jahrhunderte historisch gewachsene Länderteile zu ihrem Recht kommen zu lassen, ein Puzzle auf der Basis der Provinzeneinteilung von 1833 einrichten zu sollen. Es kam zu dem berühmten „café para todos“: jedem kleinen Territorium ein bisschen sogenannte Autonomie. Der Dezentralisierungsgedanke (der die Alliierten bei der Bundesländereinteilung geleitet hatte) wurde damit ins Gegenteil verkehrt. Das französische Modell der Departamentalisierung, das die jakobinische Vorherrschaft der Hauptstadt Madrid zementierte, war denkbar ungeeignet, das katalanische, baskische und galicische Problem zu lösen.

Der zweite gravierende Fehler war, dass der erste demokratische Entwurf der spanischen Verfassung unter der drohenden Präsenz des nachfranquistischen Militärs und eines eventuellen Militärputsches (wie er denn auch am 23. Februar 1981 von Tejero tatsächlich versucht wurde) sofort wieder zentralistisch zurückgefahren wurde und die vorgesehenen Kompetenzübertragungen („transferencias“) von der Zentralregierung auf die „Autonomien“ nur halbherzig in die Verfassung aufgenommen wurden und auf jeden Fall so unscharf formuliert waren, dass einer Rückkehr zum Zentralismus weiter Auslegungsspielraum offen blieb.

Die demokratische Aufbruchsstimmung unter der ersten sozialistischen spanischen Regierung hatte die Katalanen veranlasst, bei einem Neuaufbau eines demokratischen spanischen Staates kräftig mitzuwirken. Doch seit der Jahrtausendwende wurde, zunächst nur Einzelnen, bald aber auch einem größeren Teil der Bevölkerung und jetzt inzwischen der Mehrheit der Landesbevölkerung klar, dass Katalonien in eine Falle getappt ist. Dass sich der Weg eines Zusammengehens mit dem immer noch im tiefsten zentralistisch fühlenden Spanien als Sackgasse erweist. In letzter Zeit bricht die vehemente antikatalanische Einstellung der Mehrheit der Spanier derartig unverblümt zu tage, dass die Mehrheit der Katalanen, einschließlich der eingewanderten Spanier, überzeugt ist, dass Spanien an einem multikulturellen Staat nicht interessiert ist.

Es stellt sich für jeden immer deutlicher heraus, das ein Großteil des spanischen Establishments von jeher gegen die Dezentralisierung gewesen ist und nur für eine Weile stille gehalten hatte. Mit Macht und in Gestalt der rechtslastigen sogenannten „Volks“partei, die am Regierungssteuer ist, versucht Spanien das Ruder zurückzuwerfen. Man hat ein Gesetz verabschiedet, das ein Referendum, das die Volksmeinung über die politische Zukunft demokratisch abfragt, unter Strafe stellt. Das spanische Verfassungsgericht ist politisch besetzt und entscheidet parteiisch und hat dadurch alles Prestige verspielt. Die Entscheidungen dieses Verfassungsgerichts sind sogar schon als rassistisch kritisiert worden, weil einem spanischen Kind in der Schule mehr Rechte als einem katalanischen Kind zugesprochen wurden. Die Regierung kann jedenfalls damit rechnen, dass alle antikatalanischen und zentralisierenden Gesetze bei diesem Gericht durchgehen und dass alle Versuche Kataloniens, die spanische Verfassung im Sinne ihrer ersten Verfasser anzuwenden, abgeschmettert werden.

Gesetze, die das spanische Parlament mit absoluter Mehrheit laufend beschließt, schnüren Katalonien immer mehr den Hals zu. Besonders an die katalanische Sprache und das katalanische Schulsystem wird Hand angelegt. Der spanische Erziehungsminister (den es wie im deutschen Bundesstaat garnicht geben dürfte) regiert in die Kompetenzen Kataloniens hinein und hat erklärt, sein Ziel sei es, die katalanischen Schüler wieder zu „spanisieren“. (Es klingt nach Francos Dekreten, als er in Katalonien einmarschierte.) Er tritt damit (und mit voller Rückendeckung durch die spanische Regierung) in ein in Katalonien besonders heikles Fettnäpfchen. Die Hasstiraden von Spaniern gegen Katalanen im Internet nehmen kein Ende und selbst spanische Politiker geben Äußerungen gegen Katalonien von sich, die sich weit unter einem europäschen Mindeststandard von politischem Niveau bewegen.

Was in spanischen Zeitungen täglich über Katalonien geschrieben wird, ist hanebüchen. Eine Gruppe junger Spanier, die sich mit zum Hitlergruß erhobenen Armen abbilden lassen, will alle Balkone, die die katalanische Unabhängigkeitsflagge tragen, fotografieren und mit Adressen auflisten, damit die Guardia Civil nach dem ersehnten Umschwung in Spanien sogleich weiß, wen sie verhaften muss. Viele Katalanen sehen keinen Sinn mehr daran, mit solchen Nachbarn in einem Staat zusammenzuleben. Eine junge Andalusierin, Mel Dominguez, die in Katalonien wohnt, hat ein Video bei youtube eingestellt („A mi me hablas en español“), in dem sie gegen die blinde Katalanophobie der Spanier (z. B. auch die ihres Vaters) protestiert. Das Video hatte in 10 Tagen zwei Millionen Besucher. Daraus kann man entnehmen, welche Unruhe und Protest der spanische Hass hervorruft.


Finanzausgleich: statt Solidarität Ausbeutung

Was aber das Fass zum Überlaufen gebracht hat, ist die staatliche Umverteilung der Steuereinnahmen auf die einzelnen „autonomen“ Gemeinschaften Spaniens. Nach jahrelangem Druck hatten das Finanz- und Wirtschaftsministerium endlich die Zahlen bekanntgegeben, wie das Steueraufkommen in Spanien verteilt wird. Dabei stellt sich klar heraus, dass Katalonien seit Jahrzehnten systematisch um seinen wirtschafltichen Ertrag geprellt wird, und dass Spanien seit Jahrzehnten auf Kosten Kataloniens lebt. Die Katalanen haben es jetzt schwarz auf weiß, dass 9 bis 10 % ihres Sozialprodukts statt in ihr Land und in ihre Infrastrukturen investiert zu werden, dazu dienen, um in Spanien Flugplätze zu bauen, die dann keine Fluggesellschaft anfliegt. 39 Flughäfen in Spanien sind im Defizit – mehr als Deutschland überhaupt Flugplätze hat. Schnellbahnlinien wurden radial von Madrid aus ins ganze Land gebaut, um es an seine Hauptstadt zu binden. Doch einzelne Strecken mussten schon wieder stillgelegt werden, weil nur noch 5 Passagiere pro Zug das Angebot nutzten. Spanien hat das größte Schnellbahnbauprojekt Europas. Nur die Linien, die Katalonien benötigt, sind um ein Jahrzehnt verzögert worden.

Der Bau der Mittelmeerschnelltransporttangente Gibraltar-Alacant-València-Barcelona-Perpinyà und weiter nach Lyon-Frankfurt-Schweden wird von Madrid boykottiert, weil Europa aus Kostengründen abgelehnt hat, sie über Madrid zu leiten (Madrid liegt eben nicht am Mittelmeer!). Autobahnen werden in Spanien außerhalb Kataloniens ohne Maut benutzt, weil aus Steuergeldern gebaut. In Katalonien wird jeden Tag den Benutzern das Geld aus der Tasche gezogen. Katalanen zahlen also mit ihren Steuern, dass die spanischen Autobahnen gratis befahren werden können, werden aber im eigenen Lande für jeden Kilometer zur Kasse gebeten.

Zu der Geldverschwendung an sich kommt die Tatsache hinzu, dass Katalonien in eine wirtschaftliche Notlage gebracht wird, die von Madrid verschuldet ist. Katalonien wäre restlos schuldenfrei, wenn es über sein eigenes Geld verfügen könnte. Die gravierenden Einsparungen im katalanischen Gesundheitswesen, die jeder Katalane am eigenen Leib spürt, wären unnötig. Ebenso unnötig wie die Gehaltskürzungen in allen Bereichen. Übrigens ist das Baskenland tatsächlich schuldenfrei, weil es seine Steuergelder selbst eintreibt, wie es Katalonien auch tun möchte. Musste die ETA existieren, damit das Baskenland besser gestellt wurde, als Katalonien? Es ist offensichtlich: Katalonien hat sich bei der Festlegung der Staatsstrukturen nach dem Ende der Diktatur von Madrid über den Tisch ziehen lassen.

Die Schulden, die Madrid allein in den letzten zwei Jahren in Bezug auf gesetzlich und haushaltsmäßig festgelegte Verpflichtungen gegenüber Katalonien aufgehäuft hat, gehen schon wieder in die Milliarden – abgesehen von den 18 Milliarden, die Madrid jährlich aus dem katalanischen Steueraufkommen in politisch genehme Regionen Spaniens umleitet und umverteilt. Von einem solidarischen Finanzausgleich nach bundesrepublikanischem Muster kann hier nicht mehr die Rede sein, da es sich um zehnfach höhere Summen handelt, was in Deutschland das Solidaritätssystem zum Platzen gebracht hätte.

Aus alledem geht hervor: Spanien hat nicht das geringste Interesse, am Verhältnis mit Katalonien etwas zu ändern. Die katalanische Wirtschaftsleistung soll weiterhin dazu dienen, die Finanzen Spaniens zu retten und die wirtschaftlichen Fehlentscheidungen zu decken. Dies kann man wirtschaftstechnisch nur noch so bezeichnen: Katalonien soll weiterhin als Kolonie für Spanien dienen.


Katalonien steht mit dem Rücken zur Wand

Katalonien hat keinerlei auf spanische Gesetze gestützte Hebel in der Hand, um diese Situation zu ändern. Ob die Europäische Union in diese Ausbeutungssituation einzugreifen bereit ist, ist mehr als ungewiss. Denn es ist unsicher, ob die EU für ein gesund wirtschaftendes Katalonien als möglichem mediterranen Musterstaat ein dann marodes Spanien in Kauf nehmen würde. Ob die internationalen Gerichtshöfe sich auf eine Klage Kataloniens gegen Spanien einlassen würden, ist ebenso unsicher.



Kataloniens demokratische Rechte

Was Katalonien allein in der Hand bleibt, sind demokratische Grundmanifestationen, Wahlen, Demonstrationen, Abstimmungen. 2010 gingen 1 Million Katalanen auf die Straße, um gegen die finanzielle und identitäre Drangsalierung durch Spanien zu protestieren. Am 11. September 2012, dem katalanischen Nationalfeiertag, waren es über 1,5 Millionen, die unter dem Lemma „Katalonien, ein neuer Staat in Europa“ demonstrierten. Jedes Jahr gab es erneut diese Demonstrationen, die sich 2013 in Form einer 400 km langen Menschenkette von den Pyrenäen zum Ebre, am 11. September 2014 mit einem Sieges-V auf den größten Transversalalleen Barcelonas und am 11.9.2015 sogar mit 2 Millionen Teilnehmern manifestierten.

Bei den Wahlen am 25.11.2012 wurden mit einer ungewöhnlich hohen Wahlbeteiligung 87 von 135 Abgeordneten gewählt, deren Parteien ein Referendum zur Unabhängigkeit oder eine Loslösung von Spanien befürworteten. In dem inofiziellen Referendum vom 9. November 2014 zeigten 2,3 Millionen Wähler bürgerlichen Ungehorsam gegen den spanischen Staat, der den Wahlgang verboten hatte. 80 % von ihnen wählten ein „Ja“ für die Unabhängigkeit. Ein unübersehbares Votum gegen die von Spanien geltend gemachten Besitzrechte an Katalonien, die jede demokratische Entscheidung mundtot machen sollen. Immer verbohrter igelt sich Spanien in diese Position ein und merkt, dass ihr immer mehr Felle davonschwimmen.

Es ist möglich, dass eine mehrheitliche Erklärung eines neuen katalanischen Parlaments die einseitige Loslösung von Spanien erklärt. Dann werden die Juristen miteinander zu kämpfen haben. Hoffentlich wird dann die internationale Presse, deren Korrespondenten fast alle in Madrid sitzen, nicht, wie bisher meist, nur den Madrider Standpunkt vertreten. Es scheint jedenfalls durchaus möglich, dass Spanien Katalonien verlieren wird.

Die Kulturkomptenz der Spanier aller Generationen reicht nicht aus, um ein multikulturelles Spanien zu akzeptieren, in dem z. B. Katalonien auf gleicher Augenhöhe mit Spanien stehen kann.


Prof. Dr. Tilbert Dídac Stegmann und Diplocat

Read more »

Betr. “Katalanen proben die Unabhängigkeit” von S. Bastaroli, Die Presse 24.09.15

Sehr geehrte Damen und Herren,

Erlauben Sie mir folgende Bemerkungen über den o.g. Artikel:

-Die radikale Linken gehören nicht zu der “Mas bunte Anti-Spanien-Koalition”. Ein Teil davon (CUP) hat eine eigene Liste, die auch für die Unabhängigkeit ist. Der Rest der radikale Linke hat sich mit den spanischen Partei Podemos einer anderen Liste angeschlossen, die sich für den Verbleib in Spanien ausspricht.

-Aus Brüssel ist nur gesagt worden, was eine Selbstverständlichkeit ist: dass Katalonien nicht automatisch Mitglied der EU bleibt. Aber die meisten Experten (natürlich nicht die von den spanischen Regierung) meinen, dass aus vielen Gründen die Verhandlungen über die neue Admission Kataloniens in der EU sehr rasch erfolgen würden. Auch der Anschluss an den Binnenmarkt ginge keineswegs verloren. Notfalls könnte ein bilateraler Vertrag (Wie bei Norwegen oder die Schweiz) aushelfen.

-Das neue Autonomiegesetz wurde 2011 nicht nur als Verfassungswidrig deklariert weil Katalonien darin als Nation bezeichnet wurde. In Wirklichkeit wurden als Verfassungswidrig eine Reihe von Artikeln des Gesetzes, die für Katalonien viel grössere Kompetenzen bei Finanz, Wirtschaft, Bildung und Kultur bedeuteten. Dadurch wurde die katalanische Autonomie bis zur Lächerlichkeit demontiert.

-Gekränkter Stolz, anders als bei den Spaniern, spielt für den Katalanen keine Rolle. Wohl aber die ständige Beschneidung der katalanischen Kompetenzen in allen Bereichen und die Vernachlässigung der katalanischen Infrastruktur zugunsten des Baus leere Flughäfen, unrentablen Bahnlinien und aufgeblähte Verwaltungen (während Katalonien die spanische Region mit den geringsten Beamtenzahl je 1000 Einwohner ist.)

Mit freundlichen Grüße

Pere Grau
Hamburg

Read more »

Freitag, 25. September 2015

Wäre ein unabhängiges Katalonien wirtschaftlich überlebensfähig?


Am Sonntag finden in Katalonien "plebiszitäre" Regionalwahlen statt. Fünf Millionen stimmberechtigte Katalanen sind aufgerufen, indirekt über die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien zu entscheiden.
Die Einheitsliste separatistischer Parteien "Junts pel Si" kann mit einer knappen absoluten Mehrheit rechnen. Doch neben Nationalgefühlen spielen für viele Katalanen vor allem die wirtschaftlichen Folgen einer Unabhängigkeit eine entscheidende Rolle für ihre Stimmenabgabe.
Katalonien erholt sich wie der Rest Spaniens nur langsam von der Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit liegt immer noch bei über 22 Prozent. Somit rücken vor allem zwei Fragen zum Ende der Wahlkampagne in den Mittelpunkt sämtlicher Diskussionen: Was kostet die Unabhängigkeit? Und ist ein unabhängiges Katalonien wirtschaftlich überhaupt überlebensfähig?

Katalanische Politik für Katalanen

Die Antwort des separatistischen katalanischen Regionalpräsidenten Artur Mas (CDC) ist eindeutig: Ein katalanischer Staat vertritt die Interessen der Katalanen besser als die spanische Zentralregierung, die seit Jahren mit einer katastrophalen Wirtschaftspolitik auf die Krise reagiert und nicht die Investitionen in Katalonien macht, die nötig sind, um die Krise zu überwinden.
"Die Popularität unserer Unabhängigkeitsbewegung ist selbstverständlich mit dieser wirtschaftlichen Frage verbunden, gerade für die jungen Generationen. Wir brauchen die Unabhängigkeit, um die juristischen und wirtschaftlichen Werkzeuge zu haben, die Krise zu überwinden", erklärt auch Jordi Sanchez, Vorsitzender der Katalanischen Nationalversammlung ANC. Die Bürgerbewegung gehört neben den beiden großen separatistischen Parteien zur treibenden Kraft der Unabhängigkeitsbewegung.

Teure neue Staatsstruktur

"Niemand weiß, ob Katalonien alleine schneller die Krise überwunden hätte. Ich bezweifle das. Wir wissen aber, dass ein unabhängiges Katalonien einen enorm hohen Schuldenausgleich mit Spanien zu begleichen hätte. Zudem müssten sie den kostspieligen Aufbau neuer Staatsstrukturen tragen, was die beginnende Überwindung der aktuellen Krise in Katalonien um Jahre oder Jahrzehnte zurückwerfen würde", erklärt der spanische Wirtschaftsexperte Jose Piquer von der Madrider IE University.
Die separatistische Regionalregierung ist sich der schwierigen Ausgangslage bewusst. Die Kosten sind schlecht zu schätzen. Alles hängt davon ab, wie die Verhandlungen mit Madrid nach der Unabhängigkeit über Schulden, Steuern und Pensionen enden. Fraglich ist auch, ob sich Katalonien eine Armee leisten würde und ob man neues Geld drucken muss oder den Euro behalten kann. Elisenda Paluzie, Wirtschaftsexpertin und Kandidatin des separatistischen Parteienbündnisses "Junts pel Si", schätzt die Kosten auf bis zu 202 Milliarden Euro. "Durch die Einbehaltung der bisher nach Madrid abzugebenden Steuern, die größtenteils nicht zurückfließen, sondern in strukturschwächeren Regionen Spaniens landen, stünden Katalonien jährlich über zwölf Milliarden Euro mehr zur Verfügung", gibt Paluzie allerdings zu bedenken.

Würde Katalonien in der EU bleiben?

Auch andere Wirtschaftsexperten sind sich sicher, dass Spaniens wirtschaftsstärkste Region, die rund 20 Prozent des spanischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet und mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern 16 Prozent der spanischen Bevölkerung ausmacht, auf lange Sicht wirtschaftlich überleben kann.
Doch das hängt davon ab, ob Katalonien auch weiterhin in der EU und im Euroraum bleiben kann, sollte es sich einseitig für unabhängig erklären. Das Problem: Die spanische Zentralregierung will ein Unabhängigkeitsreferendum und eine Abspaltung Kataloniens nicht zulassen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker versicherte noch am Dienstag, Katalonien würde bei einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung nicht nur automatisch aus der EU fliegen, sondern habe auch gar nicht das Recht, die Unabhängigkeit auszurufen, weil dies gegen die spanische Verfassung verstoße.
Bei der zu erwartenden Frontalkonfrontation zwischen Madrid und Barcelona dürften nur wenige EU-Staaten, aber auch andere Länder wie die USA, nicht bereit sein, wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Katalonien aufzubauen, versichert Jose Piquer.

Bis zu 35 Prozent Arbeitslosigkeit

Kataloniens Bank würde damit der Zugang zu Hilfen der Europäischen Zentralbank versperrt. Heute überlebenswichtige EU-Fördergelder für Bauern, Industrie und andere Wirtschaftszweige würden ebenfalls wegfallen. Auch die internationalen Investitionen gingen laut verschiedenen Finanzexperten bei einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung extrem zurück. Von den katalanischen Exporten, die in EU-Staaten mit Zöllen belegt werden müssten, nicht zu reden. In einem solchen Panorama würde die Arbeitslosigkeit auf bis zu 35 Prozent klettern können, so Fachleute.
Die Möglichkeit, aus der EU auszuscheiden, macht viele Wähler nun zu Recht nervös und damit auch die Separatisten. Jüngster Beweis: Auf die Ankündigung des spanischen Notenbankchefs Luis Maria Linde, Katalonien würde bei einer Abspaltung den Euro und die EU-Mitgliedschaft verlieren, antwortete Mas mit der Möglichkeit, dass Katalonien vielleicht einfach nicht mehr seine Schulden mit Spanen begleichen könnte.

Quelle: Format

Read more »

Mittwoch, 23. September 2015

Artikel von Leo Wieland “Das Kapital fürchtet Podemos und die Separatisten” FAZ 22.09.15

Betr. Artikel von Leo Wieland “Das Kapital fürchtet Podemos und die Separatisten” FAZ 22.09.15

An Herrn Berthold Kohler und Herrn Klaus-Dieter Frankenberger.

FAZ

23.09.15

Sehr geehrter Herr Kohler,

Sehr geehrter Herr Fankenberger,

Vorweg möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen, wenn ich heute wieder mal einen Artikel von Herrn Leo Wieland beanstande. Es ist ermüdend. Ich hoffe aber auf Ihren Verständnis für folgendes Argument: wenn Herr Wieland uns immer wieder dieselbe tendenziöse Berichterstattung auftischt, sind wir Katalanen verpflichtet auch immer wieder dagegen zu argumentieren.

In dem o.g. Artikel stellt Herr Wieland eine Reihe von Behauptungen auf, die er aus der spanischen Presse übernommen hat, die nur ein Produkt der verzweifelten Propaganda der Zentralregierung gegen die katalanische Unabhängigkeitsbewegung sind. Im einzelnen, und nur um einige der strittigen Punkten zu erwähnen:

– Inwieweit die Möglichkeit eines Wahlsieges von Podemos die internationale Finanzwelt beunruhigen kann vermag ich nicht zu beurteilen. Was die Möglichkeit der Unabhängigkeit Kataloniens betrifft ist Fakt, dass die Investitionen von ausländischen Firmen in Katalonien nicht nur keineswegs rückgängig sondern 2015 sogar wieder gestiegen sind.

– “Die Abkoppelung...könnte wirtschaftlich fatale Folgen sowohl für Spanien als auch für Katalonien haben”. In Wirklichkeit hätte eine Trennung, die zwischen Spanien und Katalonien demokratisch verhandelt werden würde, hätte keine negative Folgen für beide Länder, da die Katalanen dann einverstanden wären a) einen gerechten Teil der spanischen Schulden zu übernehmen und b) eine Zeit lang Spanien zu helfen, die Folgen der Trennung zu überwinden.

– Alle Argumenten über die Schulden Kataloniens sind verlogen wenn man nicht hinzufügt, dass diese eine Folge der schädlichen und unverantwortlichen Politik der Zentralregierung gegenüber der katalanischen Autonomie ist. Ohne dieses riesige Handicap kann Katalonien sehr schnell seine Schulden auf das übliche Niveau von Ländern wie die skandinavischen oder die der Benelux begrenzen. Es gibt genügende Studien (auch von Wissenschaftler aus Harvard, MIT, der London School of Economics, u.s.w.) die es bestätigen. Ein “corralito” würde keineswegs entstehen.

– Im Gegenteil zu der Behauptung von Herrn Wieland sind die Unternehmer, die nichts gegen die Unabhängigkeit haben, nicht “eine Organisation kleiner Firmen die um die Subventionen der Regionalregierung fürchten”. Es sind die Mehrheit der mittleren und kleinen Unternehmen, die fast 95 % der Arbeiststellen in Katalonien repräsentieren. Die Gegner der Trennung sind die Vertreter von grossen Unternehmen, die oft von der

– n Aufträgen und Auschreibungen der Zentralregierung leben, die aber in Katalonien selbst eine kleine Minderheit darstellen.

– Die Gefahr, dass “die Region eine Regierung nach Art von Syriza bekommt” ist höchst unwahrscheinlich, da die 2 Hauptparteien der Unabhängigkeitsbewegung (die liberale CdC, und die sozialdemokratische ERC) weit entfernt von den Ideen von Syriza sind. Man könnte noch vieles dazusagen, aber ich möchte Ihre werte Geduld nicht über Gebühr strapazieren.

Nur eines zum Schluss: die Entwicklung der Ereignisse in den nächsten Wochen und Monaten werden zeigen, dass Herr Wieland seit langem Ihrer Zeitung eine ganz verkehrte Berichterstattung übermittelt hat.

MfG.

Pere Grau, Hamburg.

Read more »