Mittwoch, 14. Januar 2015

Noch immer wird auf eine offizielle Entschuldigung von der spanischen Regierung gewartet!

Am 15. Oktober 2008 veranstaltete die Menschenrechtsorganisation gemeinsam mit dem Büro des Vizepräsidenten der katalanischen Regierung in Barcelona ein Akt zur Wiedergutmachung und zu Gedenken an den Ex-Präsidenten Katalonien, Lluis Companys. Dabei waren unter Anderen die deutsche Konsulin Christine Gläser und der französische Konsul Pascal Brice anwesend.

Für Pascal Brice war die Deportation Lluis Companys' eine deutsche Handlung auf französischem Territorium, die von den Historikern unter allen Umständen aufgeklärt und die Verantwortlichen herausgefunden werden müssten! Die deutsche Konsulin bat daraufhin noch einmal in aller Form um Entschuldigung, wenngleich, wie sie erinnerte, bereits auch Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl bei einem Treffen mit Katalonien Ex-Präsident Jordi Puyol ganz offiziell um Entschuldigung für dieses Verbrechen der Gestapo bat . 

Im Sommer 1940 wurde der damalige katalanische Präsident Lluis Companys in Frank-reich verhaftet, wo er sich zu jenem Zeitpunkt im Exil aufhielt. Kurze Zeit später über-ließen französische Behörden und die deutsche Gestapo Companys an Verantwortliche der Franco-Diktatur. Diese verurteilten ihn zum Tode und ermordeten ihn kurz darauf. Am vergangenen 15. Oktober war der 74. Jahrestag seine Hinrichtung. 

Noch immer wird auf eine offizielle Entschuldigung von der spanischen Regierung gewartet!

An der Veranstaltung nahm ebenfalls der damalige katalanische Vizepräsident Josep Lluis Carod Rovira teil 
und erklärte, dass nach wie vor ausstehe, dass endlich auch Spanien von offizieller Seite Stellung dazu nehme und die Verurteilung Companys' annulliere.

Am 15. Oktober 2009 erinnerte der Bearter katalanischen Regierung in einer außer-ordentlichen Versammlung daran, dass man die Aufhebung des Urteils gegen den Ex-Präsident gefordert habe, die zu seinem Tode führte und auch dem Generalstaatsanwalt Spaniens vorgetragen wurde.

"Wir haben gesagt, wir werden nicht ruhen und es gäbe auch keinerlei Grund dafür, ehe wir nicht die Aufhebung dieses Urteils erreicht haben!“ sagte daraufhin der 128. Präsident der katalanischen Regierung, Montilla! Er betonte ebenfalls, dass dies eine Geste sei, die die katalanische Regierung erwarte und ein letzter Schritt um auch das katalanischer Volk dies betreffend zufrieden zu stellen. In diesem Zuge erinnerte er daran, dass Lluis Companys starb, während er offiziell das Amt des katalanischen Präsidenten bekleidete und wurde einzig aus diesem Grunde von der Franco-Regierung hingerichtet.

Er fügte hinzu, das katalanische Volk habe dies verziehen, aber verzeihen solle man nicht mit vergessen verwechseln, es gäbe nach wie vor ein offenes Kapitel in der Ge-schichte, welches man mit Würde und Anstand schließen sollte!

So wäre, nach Aussage Montillas die Annullierung dieses Urteiles gegen den Ex-Präsident, eine ethische, politische und zu zugleich historisch Bestrebung und es gäbe nun eine rechtliche Chance dazu, die man nicht verstreichen lassen sollte.

Schließlich verwies er ebenfalls auf die politischen Anstrengungen vieler Personen und Organisationen und erinnerte an das Engagement so vieler Katalanen, die auf einen Moment wie diesen 70 Jahre gewartet hätten.

Mit dem Einverständnis de katalanischen Parlamentes hatte der Generalstaatsanwalt beim obersten spanischen Gericht beantragt, dass dieses Urteil überprüft werden solle.

Einen Antrag auf Revision eines solchen Urteils kann nur derVerurteilte selbst, dessen Verwandte oder der Staatsanwalt einreichen. Gemäß der Strafprozessordnung ist der oberste spanische Gerichtshof zuständig wenn es darum geht, angefochtene Urteile neu zu bewerten und wenn nötig aufzuheben.

Im Jahr 2010 stufte die spanische Regierung die Aufhebung des Urteils als "juristisch unmöglich" ein. Die spanische Vizepräsidentin María Teresa Fernández de la Vega, sagte dazu, man werde nicht darüber nachdenken, das Urteil gegen den katalanischen Ex-Präsidenten Lluis Companys zu annullieren.

Übersetzt von Daniel Kahl



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Dienstag, 2. Dezember 2014

„Toro Jubilo" (in etwa „Stiergaudi“), spanische Rohheit in Reinkultur


Medinaceli  ist ein kastilisches Städchen in der Provinz Soria . Schon seit Jahrhunderten findet im November das traditionelle Fest „Toro Jubilo“ statt. Man kennt nicht genau den Ursprung dieses Festes, aber die Anthropologen meinen, dass es von den iberischen Völkern eingeführt wurde, vielleicht schon  im Bronzezeitalter. Im Archiv der Herzöge von Medinaceli kann man lesen, dass 1559 König Philipp II dem Fest beigewohnt hat. Es ist der erste schriftliche Beweis für  diese barbarische Tradition. Im Jahr 2002 hat die Junta von Kastilien-Leon (regional autonome Regierung) das Fest als eines von regionalem touristischen Interesse gekennzeichnet.


Der Stier wird mit einem an den Hörner gebundenen Seil zu einem Pfahl gezogen. Dort wird ihm auf den Kopf ein Metallgestell mit zwei Kugel aufgebunden, die fast eine Stunde brennen werden. Die Kugeln verbrennen dem Tier das Gesicht und Augen und verhindern ihm sogar zu atmen. Das mit Terpentin und Schwefel präparierte Werg brennt fast eine Stunde ununterbrochen, während der Stier in Panik versucht erfolglos dem Feuer zu entfliehen. Die Angst und seine Not sind für ihn fast eine schlimmere Tortur als das Feuer und die Schläge des Mobs. Der Lehm, der ihn als vermeintlicher Schutz gegen das Feuer bedeckt,  verschwindet allmählich. Das Feuer greift seine Augen an und erschwert seine Atmung, er erleidet Verbrennungen  sowohl am Kopf als am ganzen Körper und er kann die Schläge nicht vermeiden , die er unentwegt bekommt. Wenn das Feuer aus ist, ist das Fest zu Ende, und schon ohne Publikum muss der Stier „hingerichtet“ werden. Das ist von der autonomischen Gesetzgebung bestimmt,  um dem Tier ein leidensfreien Tod zu gewährleisten, und um ihn ein Leben zu ersparen, das von den unauslöschlichen Folgen der erlittene Tortur bestimmt wäre. Diese Folgen sind so gravierend, dass man  manchmal den  Stier  nicht „hinzurichten“ braucht, weil er schon vorher stirbt.

Am 15 November um Mitternacht wurde diesmal der Stier Islero gefoltert. Von den 70 Leuten, die dagegen protestierten, wurden vier von der Guardia Civil verhaftet und von 50 weiteren wurden die Personalien festgehalten. Alles um den Sadismus zu beschützen. Eine verkehrte Welt. Die Rohheit wird beschützt und die Menschlichkeit wird verfolgt.


Jordi Vàzquez
@JordiVazquez

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Mittwoch, 15. Oktober 2014

Helft Katalonien





Helft Katalonien ist eine Gruppe von Freiwilligen, die es sich vor mehr als drei Jahren zur Aufgabe gemacht hat, die katalanische Realität durch die digitalen Medien international zu verbreiten. Die Freiwilligen sind von verschiedenen Nationalitäten und aus verschiedenen Ländern und haben keine leitende oder konkrete politische Ideologie. Sie versichern, dass sie mit keiner politischen Partei verbunden sind. Ihr Hauptziel ist es, über den “versteckten Krieg, den Spanien gegen das katalanische Volk führt” zu berichten, wie die Gruppe bestätigt. Weitere Aufgaben sind, das Recht zur Selbstbestimmung zu verbreiten, eine Volksabstimmung durchzuführen, die katalanische Sprache zu verteidigen und den demokratischen Prozess zu garantieren.

Ihre Mission ist es, “für die Katalanen zu sprechen, die frei sein wollen und die internationale Unterstützung suchen, um sich von dem systematischen Missbrauch des spanischen Staates zu befreien”. Deshalb veröffentlichen sie eigene Artikel und übersetzen Nachrichten, die in den Medien erscheinen, vor allem ins Englische, Französische, Italienische, Deutsche und Spanische, aber auch ins Russische, Niederländische und Polnische.

2013 kam es zu einer Vereinbarung der Zusammenarbeit mit dem Cercle Català de Negocis, um die wirtschaftlichen Aspekte eines unabhängigen Kataloniens zu internationalisieren.

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Samstag, 31. Mai 2014

Ansprache

Liebe Freunde, heute haben wir einen Grund zum Feiern: das Datum und die Frage für unsere Volksbefragung stehen fest. Wir feiern, dass wir am 9. November über die Zukunft unseres Landes entscheiden können.

Es ist WAHR, dass die Frage nicht genau der Vorstellung der 2 Millionen Menschen entspricht, die am letzten 11. September die Straßen Kataloniens bei einer der größten Demonstrationen aller Zeiten füllten. Aber TATSACHE ist, dass die erhoffte Frage in der doppelten Fragestellung enthalten ist.


Es ist WAHR, dass das Datum auch zeitlich nicht so nah liegt, wie wir es uns gewünscht hätten, aber TATSACHE ist, dass der gewählte Zeitpunkt einen politischen Vorteil hat und zudem ein großes symbolisches Gewicht, weil er mit dem 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls koinzidiert.


Aber das Wichtigste ist, dass es ein Datum und eine Frage gibt und wie es dazu gekommen ist: nämlich mit dem Konsens aller parlamentarischer Gruppen, die das Recht auf eine Entscheidung der Katalanen befürworten, und die zudem die große Mehrheit im katalanischen Parlament bilden.


Die Abstimmung ist der Weg. Am 9. November können wir Katalanen unser Recht, über die Zukunft unseres Volkes zu entscheiden, auf die friedlichste und demokratischste Weise, die es gibt, ausüben: mit einer Volksabstimmung.


Falls der spanische Staat dieses demokratische Recht verweigert, wird er vor Europa und der Welt bloßgestellt sein, denn keine Verfassung steht über der Demokratie. Man kann sich nicht Demokrat nennen und dagegen sein, dass ein Volk sein Recht auf Selbstbestimmung ausüben möchte. Allerdings müssen wir eins bedenken: Diejenigen, die dieses Recht in Katalonien verweigern, sind in der Minderheit, die nicht einmal an die 35 Prozent der Abgeordneten herankommt. Im Gegensatz dazu, könnte im spanischen Parlament dieser Anteil die 80 Prozent überschreiten, darunter die Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE). Diese Partei hat bereits angekündigt, dass in einer hypothetischen bundesstaatlichen Lösung für Spanien das Recht auf eine Selbstbestimmung der Katalanen keinesfalls Platz finden sollte. Herr Zapatero, als einer der „fortschrittlichsten” und pro-katalanischen Politiker der PSOE bekannt, und der nach eigener Aussage in Granada als „Katalane” beschimpft wurde, bestätigte vor wenigen Tagen, dass das Recht auf Entscheidung „gegen die Natur” sei. „Gegen die Natur” - Stellen Sie sich das vor! (Sicher auch „gegen die Natur” aus Sicht der Bischofskonferenz.)

Es ist also gut möglich, dass wir uns vor der ersten und einzigen Gelegenheit befinden, um über unserer Unabhängigkeit entscheiden zu können. Lasst sie uns nutzen!

Der spanische Staat hat bereits klargemacht, dass er alles in seiner Macht stehende tun wird, um zu verhindern, dass die Bürger Kataloniens über ihre Zukunft entscheiden können. Aber wir dürfen nicht den spanischen Staat mit dem spanischen Volk gleichsetzen. Uns verbindet viel mit dem spanischen Volk, das wir schätzen und das genau wie wir unter der Unterdrückung einer ausbeuterischen, zentralistischen, rückschrittlichen Oligarchie litt und leidet, unter den Nutznießern pharaonischer Bauprojekte, die uns alle auf die gleiche Weise haben verarmen lassen.

Aber wir haben einen Vorteil: uns vereinen eine eigene, ständig bedrohte Sprache und Kultur. Zugleich haben wir eine bemerkenswerte Zivilgesellschaft, die aktiv, dynamisch und stark ist, und die einen sozialen und politischen Wandel ermöglichen wird. Und vielleicht kann dies auch ein Vorbild für unsere Freunde im spanischen Staat sein, um aktiv zu werden.


Wir Katalanen wollen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, unsere Ressourcen selbst verwalten und weiterhin solidarisch mit den Einwohnern Spaniens sein, aber auf eine viel effizientere Art und Weise.


Und wir haben Eile, große Eile, denn die Bedürftigsten leiden wie nie zuvor.

Die Menschen meiner Generation haben den demokratischen Übergang erlebt. Wir waren jung und hatten das Privileg, am demokratischen Aufbau des Landes mitzuwirken. Heute haben wir die Möglichkeit, unserer Jugend zu helfen, einen neuen Staat zu errichten: ein freieres, fortschrittlicheres, solidarischeres und dementsprechend auch gerechteres Land. Wir haben eine großartige Gelegenheit vor uns, die begeistert und motiviert.

Worauf warten wir noch?


Wie sagt Miquel Martí i Pol: Es ist alles bereit und nichts ist unmöglich!

Katalanen … Machen wir uns auf.


Hoch lebe Katalonien!





Español

 

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Dienstag, 29. April 2014

Begründung des Vorschlags Lluis Llach gegenüber den Stiftern des Preises





Sehr geehrte Damen und Herren, 

Ihrem Aufruf, einen Vorschlag für den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung des Jahres 2014 einzureichen, komme ich hiermit gerne nach.

Vorschlagen möchte ich erneut - wie schon im Jahr 2013 - den katalanischen Exilanten, Komponisten, Poeten und Sänger Lluis Llach. Wie kein anderer verkörpert er mit seiner Lebensleistung den Freiheitsanspruch von Individuen und Nationen, Fundament für die internationale Verständigung und Versöhnung in Europa und anderswo. Das zugleich künstlerische und politische Wirken Llachs gehört dem Aufbegehren gegen alle Varianten des Totalitarismus und Imperialismus, dessen Folgen ja besonders nachhaltig an der inneren und äußeren Peripherie der Europäischen Union bis heute zugleich die Freiheit des Einzelnen und die internationale Verständigung zwischen den Nationen bedrohen.

Llachs Lebensleistung kristallisiert sich in seinem berühmtesten und wirkungsmächtigsten Lied L`estaca: 
Lluis Llachs L`estaca hat als inoffizielle Nationalhymne der Katalanen gegen Franco schon seit den späten sechziger Jahren dazu beigetragen, dass die Süderweiterung des demokratischen Europa in Katalonien mit fruchtbarem Nährboden für die doppelte Befreiung von Faschismus und nationaler Unterdrückung rechnen konnte. Zunächst in der Illegalität und im französischen Exil gesungen füllte sie 1985 das Stadion in Barcelona. Das historische concert per la llibertat von 2013 am selben Ort ist ihr Echo. 
Llach trug aber auch - in Deutschland ist das nicht bekannt! - dazu bei, dass die Osterweiterung des demokratischen Europa von Anfang an auf diesem selben Terrain gedeihte. Denn die Estaca wird wenig später in Polen textlich angepasst und und gesungen von Jacek Kaczmarski unter dem Titel Mury zur Hymne der anti-stalinistischen Solidarnosc. Eine ganze Generation, die den Aufstand auf den Lenin-Werften miterlebte, singt dort dieses Lied. 
Wir im Norden mögen leichtfertig die südliche Ausstrahlung des demokratischen Europa auch jenseits des Mittelmeers sich selbst überlassen. Lluis Llachs Estaca übernahmen allerdings auch die international besonders wachen jungen Tunesier in ihrem Freiheitskampf von 2011. Yasser Jradi besorgte dazu die tunesische Fassung, die unter dem Titel Dima Dima zu einer der Hymnen des Arabischen Frühlings wurde, besonders gesungen von Emel Mathlouthi. Bei Llach trennt das Mittelmeer nicht; es verbindet. 
Während wir aktuell mit großer Sorge die imperiale Regression Russlands beoachten, singt in Moskau die freiheitsliebende Post-Putin-Generation schon seit mehreren Jahren die russische Fassung der Estaca. Unter dem Titel Stieni wurde sie von Kiril Medvedev, Gründer, Sänger und Gitarrist der Gruppe Arkadiy Kots ins Russische übertragen. 
Auch im aus Europa exilierten Judentum ist das historische Gedächtnis wach; auch dort folgt man mit Sympathie dem Freiheitsanspruch der Katalanen; so wurde gerade "Lluis Llachs great Catalan anthem L`estaca" unter dem Titel Der Yokh von der bekannten New Yorker Gruppe The Klezmatics in einer sehr schönen Fassung auf Jiddisch aufgenommen. 

Der Ruf nach politischer Freiheit und Völkerverständigung mit und durch Lluis Llach ist allerwegen quicklebendig. Nur wir Deutschen wissen es nicht.

Wenn im Dezember 2014 in Hamburg Lluis Llach der Marion Dönhoff Preis verliehen wird, gilt diese Ehrung also zugleich allen Freunden der Freiheit, die im Geiste Marion Dönhoffs nicht nur den mühsam erlernten und immer wieder gefährdeten Respekt der Deutschen im Umgang mit den Polen, sondern auch den der Russen im Umgang mit den Ukrainern und den der Spanier im Umgang mit den Katalanen im Auge haben. Mit freundlichen Grüßen

Dr. Martin Schulte
Berlin, März 2014



Links zu Lluis Llach und den erwähnten Versionen der L`estaca:







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Montag, 14. April 2014

“Respekt“ der Spanier für die katalanische Sprache und die Katalanen





Auf einer Klassenfahrt katalanischer Schüler nach Madrid, um das Pradomuseum zu besuchen: Die Mütter haben ihren Töchtern eingeschärft, dass sie sich zurückhaltend benehmen und aus politischen Diskussionen heraushalten sollen. Insbesondere nichts Katalanisches zur Schau tragen. In der Madrider Metro aber plaudern die Mädchen natürlich in ihrer Muttersprache. Ein älterer Herr ihnen gegenüber herrscht sie an: hier in Spanien hätten Sie gefälligst Spanisch zu sprechen. Ein Mädchen antwortet höflich auf Spanisch, dass sie gerne mit ihm Spanisch reden wolle, aber es sei doch unter Freundinnen etwas ungewohnt, nun plötzlich nicht mehr Katalanisch zu sprechen.

Antwort des Herrn: wenn er noch jünger wäre, würde er ihr eine Ohrfeige herunterhauen (auf Spanisch wörtlich „romper la cara“ – das Gesicht kaputtschlagen). Darauf erhebt sich ein junger Mann von der anderen Sitzbankreihe und bietet sich drohend an, das mit der Ohrfeige könne er gerne übernehmen. Die Mädchen flüchten sich schleunigst in den entgegengesetzten Teil des Waggons.

Diese Anekdote erzählt der Britte Matthew Tree zu Beginn seines katalanischen Buches Com explicar aquest país als estrangers (Wie erklär ich Ausländern dieses Land). Das interessante an der Anekdote ist, dass die Mütter der Mädchen das spanische Verhalten schon als erwartbar voraussahen und gewissermaßen als normal betrachteten.

Ich kann eine selbsterlebte Anekdote hinzufügen: Wir treten am Fuße des Teide, in Tenerife, an einen langen Holztisch im Freien vor einem Berggasthaus, an dem eine sympathische spanische Familie mit ihrem kleinen Jungen sitzt, und fragen, ob wir uns dazusetzen dürfen, was an dieser Stelle üblich scheint. Wir kommen ins Gespräch und werden gefragt, woher wir so gut Spanisch können. Ich erkläre, dass ich als Kind schon Spanisch gesprochen hätte und in Barcelona geboren sei. Antwort, ohne weiteres größeres Überlegen: „Ah, los enemigos!“ ( = „Aha, die Feinde!“) Das war durchaus nicht unfreundlich gesagt; vielleicht sogar mit einem verlegenen Lächeln. Aber es war völlig ernst gemeint: Katalanen sind unerwünscht in Spanien. Das ist einfach eine feststehende Tatsache. Das hat man als Spanier mit der Muttermilch und in der Schule aufgesaugt; auch wenn man überhaupt erst nach Francos Tod geboren ist. Und das schreibt die Mehrheit der spanischen Zeitungen tagtäglich. Für manche spanische Radiosender gehört es zu den beliebtesten Themen, die für hohe Einschaltquoten sorgen.

Auch Matthew Tree erzählt von einem Freund, der auf einer Hochzeitsfeier in Madrid im Gespräch mit einem anderen Eingeladenen das vollkommen ernst gemeinte Kompliment bekam, für einen Katalanen sei er eigentlich doch erstaunlich sympathisch. (Aber ein einziger sympatischer Katalane macht natürlich noch keinen Frühling.)

Die Schriftstellerin Empar Moliner erzählt, wie sie im Taxi vom Flughafen Madrid in die Stadt fährt und ihr Handy klingelt. Ein katalanischer Freund ist am Apparat, mit dem sie auf Katalanisch redet. Der Taxifahrer dreht sich empört um: „Aquí a España hablamos español!” Frau Moliner stutzt, aber entschließt sich, den Mann mit einer Lüge auf den Arm zu nehmen: “Hallo! Ich spreche doch Italienisch!” Antwort: “Ach so, o.k. No pasa nada!” (= No problem.) Der Herr Taxifahrer entscheidet ohne jegliche Gewissensbisse, was für Sprachen seine Kunden reden dürfen.

Matthew Tree erzählt weiter wie zwei Spanier jüngst im Instituto Cervantes in London die Katalanen als eine “colla de jueus”, eine Horde von Juden, bezeichnete. Franco hatte die Roten, also die Sozialisten und Kommunisten, sowie die Katalanen, die Juden und die Freimaurer als die Erzfeinde Spaniens bezeichnet, aber 34 Jahre nach seinem Ableben hätte man doch gedacht, dass so etwas der Vergangenheit angehört.



Es handelt sich bei diesen Ausfällen gegen alles Katalanische nicht um Einzelfälle, sondern um den allen bekannten Normalzustand. Katalanische Verlage rechnen damit, wenn ihre Autoren ins Spanische übersetzt publiziert werden. Es wird so weit wie möglich vermieden, den Autor als Katalanen zu outen. Mehrfach wurden Autoren bedrängt, auf den Satz “Aus dem Katalanischen übersetzt” auf dem Titelblatt zu verzichten.

Ein Justizbeamter des Sozialgerichts Nr. 2 in Badajoz (südwestlich von Madrid) erlaubt sich, einem Gericht in Barcelona folgende Mail zu schicken:

„Wir sehen, dass Ihre e-Mail in einer sehr merkwürdigen und sonderbaren Sprache verfasst ist, die gänzlich von der abweicht, die die offizielle Sprache unseres vaterländischen Territoriums ist. Wir würde Ihnen danken, wenn Sie uns den Text erneut zusenden könnten, aber dieses Mal korrekt verfasst und ohne Orthographiefehler, in der gemeinsamen Sprache unserer Nation, das heißt auf Spanisch, einer Sprache, in der die besten Werke der Weltliteratur geschrieben wurden und mit der die halbe Welt zivilisiert wurde und die praktisch auf der ganzen Welt gesprochen wird.“ Eine sehr zivilisierte Antwort eines Justizbeamten. Wenn diese Antwort öffentlich gemacht würde, könnte der Beamte sicher sein, dass er aus ganz Spanien Anerkennung für seinen gelungenen Scherz bekommen würde.

Der Pädagogikprofessor an der Universitat Autònoma von Barcelona, Enric Larreula, hat in seinem Buch Dolor de llengua (Sprachweh, oder Zungenweh – durchaus mehr als nur Bauchweh) auf 400 Seiten hunderte von Beispielen gegeben, wie man als Katalanischsprecher in Spanien gedemütigt wird. Er spricht von einer “gegen die katalanische Sprache gerichteten Pathologie, die fanatisch, fremdenfeindlich, pervers und krank” ist (S. 22). Aber nicht nur als Katalanischsprecher werden Katalanen in Spanien gedemütigt, sondern überhaupt als Katalanen. Man ist als Katalane in Spanien immer ein Mensch zweiter Klasse, dem schmackhaft gemacht werden soll, dass er ein Mensch erster Klasse, nämlich Spanier werden soll. Franco ist tot, aber sein Erbe lebt fort und wird offenbar fortleben, solange Katalonien ein Land unter spanischer Herrschaft bleibt.

Für die von Francoministern gegründete „populäre“ Partei des regierenden spanischen Ministerpräsidenten Rajoy ist jedes Schimpfen auf Katalonien und die Katalanen ein sicherer Stimmengewinn. Auch führende Mitglieder der zweitgrößten Partei, der Sozialistischen, gebärden sich zum Teil in unerträglicher Überheblichkeit gegenüber den demokratischen Forderungen der Katalanen. Katalonien erscheint ihnen als eine Frau, die man als spanischer Macho zu dominieren hat.

Äußerungen von exponierten Politikern bewegen sich weit unterhalb eines minimalen mitteleuropäischen Standards. Etwa die Äußerung des Vizepräsidenten des europäischen Parlaments, Vidal Quadras, in einer Europaparlamentssitzung im September 2012, den Katalanen bräuchte man nur die staatliche spanische Polizei, die Guardia Civil zu schicken, dann wäre das Thema Unabhängigkeit sofort erledigt. Man bedenke, dass der spanische Abgeordnete damit auf den Fall des Guardia-Civil-Obersten anspielt, der im Februar 1981 fast die spanische Demokratie mit der Schließung des Parlaments und mit einem Militärpusch beendet hätte. Ausgerechnet im Europäischen Parlament wird mit einer militärischen Auflösung eines Parlaments gedroht. Das demokratische Fingerspitzengefühl von Vidal Quadras ist dürftig. Der Europäische Parlamentspräsident Martin Schulz, guter Kenner Kataloniens und Leser und Bewunderer katalanischer Romanciers, konnte nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Der spanische Politiker Gregorio Peces Barba, der den ersten Entwurf der neuen spanischen Verfassung mit ausgearbeitet hatte, verstieg sich zu dem Scherz, man müsse Barcelona alle 50 Jahre bombardieren, damit die Katalanen ruhig hielten. Als sei er Besitzer der Iberischen Halbinsel sagte er: wir hätten uns lieber die Portugiesen behalten sollen und die Katalanen laufen lassen. Das ist die spanische Herrenmentalität in der Politik. Man kann sich vorstellen, dass für Katalonien das Zusammenleben mit solchen spanischen Politikern eine Qual ist.

Spanien und den spanischen Politikern der rechten, oft noch franconostalgischen Seite, fehlt, wie der Philophieprofessor der Universität Girona Josep Maria Terricabras sagt, die politische Kultur, die das Existieren und Respektieren von anderen eigenständigen Kulturen in Spanien als Kennzeichen von Demokratie einordnet. Anders sein und denken wird weiterhin als eine Attacke gegen die spanische Einheit empfunden. Der Umschwung zu einer demokratischen Kultur der Toleranz hat nicht stattgefunden.


Prof. Dr. Tilbert Dídac Stegmann

Deutscher Professor für Romanische Philologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Gründer der Biblioteca Catalana, der Katalanischen Bibliothek, in Frankfurt

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